Youngtimer & Restaurations Blog

  • Die Turbo - Der sanfteste Arschtritt ever

    Hallo, 

    heute gehts es um subjektive Eindrücke der leider -noch- nicht legendären Turbo.

    Nicht legendär weil sie es auf jeden Fall ist und es nur kaum jemand weiß... Wieder ein typischer Kawa Meilenstein der ihre Konkurrenz in die Schranken gewiesen hat und leider an der eigenen Konkurrenz zu Grunde gegangen ist. Die Z750 Turbo oder GPZ750 Turbo litt unter dem Ruf Ihrer 3 Turbo Vorgänger der 3 anderen japanischen Marken. Dort war nichts ausgewogen, ausgereift oder haltbar. Vom missratenen Design ganz zu schweigen.

    Die Kawasaki Turbo kam und war schon bei der Geburt tot. Teuer für eine 750, der miese Ruf der Vorgänger... Einer Turbo traute man zu dieser Zeit nicht über den Weg - egal von welchem Hersteller. Die geniale Idee der Konstrukteure eine 750er mit entsprechendem Gewicht und Handling einer 750er mit der brachialen Power einer 1000er zu vereinen hat kaum jemand verstanden, bzw. honoriert.

    Die Wahrheit: ein zeitlos elegantes Design ohne übertrieben aggressiv zu wirken aber es auch nicht zu verleugnen daß hier ein Motorrad kommt, das anders ist und vor dem man sich in acht nehmen sollte. Die schönste aller UT's und auch heute noch eine Augenweide. Es gibt wenig Fahrzeuge die wirkliche Eleganz im Design so gekonnt mit Aggressivität verbinden wie die Turbo. Eine Augenweide, die ich mir stundenlang ansehen kann.

    Revolutionäre Technik - ein Computer für die damals ganz neue Einspritz Technik DFI der fast den ganzen Platz im Heckspolier einahm und ein ungefähres Leistungsvermögen von nicht mal 5% unserer heutigen Handys hatte. Er machte aber seinen Job und den verdammt gut. Ein Druck auf den Startknopf und die Turbo springt unmittelbar an ohne so brachial hochzudrehen mit Choke und unrund zu laufen wie Ihre Vergaser Schwestern aus dieser Zeit. Ein Sound, der präsent und tief ist aber doch viel feiner und leiser wie die Schwestermodelle. Ein seidenweicher, stabiler Leerlauf sofort nach Kaltstart..

    Dann schön 10 KM warmfahren bis knapp 4000 rpm und kurz vor dem Ladereinsatz. Dann am Kabel ziehen... Es dauert ein wenig bis sich die Drehzahl auf über 4000 rpm steigert und die ersten Ladedruckbalken in der Boost Anzeige auftauchen. Der Spass beginnt...

    Wir ziehen weiter am Kabel, die Ladedruckbalken haben 50% erreicht und jetzt gehts ab - richtig ab. Und zwar nach vorne in einer Art und Weise die unvergleichlich ist. Seidenweich dreht der Motor hoch und es setzt ein gigantischer, sehr sanfter aber dennoch unerbittlicher Schub ein - wie von einem gigantischen Gummiband gezogen... Der Motor wird immer leiser und die Drehzahlmesser Nadel steigt blitzschnell der Drehzahlgrenze von 10.000 rpm entgegen. Hochschalten und wir befinden uns voll im Ladedruck und das Teil beschleunigt wie eine Kanonenkugel - ohne laut zu werden. Die Turbo schiesst sich mit jedem Gang schneller nach vorne - geil. Ein Blick auf den Tacho - 180 und wir sind mal wieder viel zu schnell. Wenn man voll am Kabel reisst und die Gänge durchpeitscht geht der Turbo auf Landstrassen schnell die Strasse aus. Kein Bike für jeden Tag aber unbedingt ein Bike für die ganz besonderen Momente. Es gibt auch heute noch kein Motorrad das ihr in dieser unverschämt geilen Art der Leistungsentfaltung auch nur annähernd das Wasser reichen könnte und so ein breites Grinsen unter den Helm zaubert. Gut, sie fährt "nur" 235 km/h und jede heutige 600er macht die auch aber das ist nur die halbe Wahrheit. Keine vermag so sanfte Arschtritte auszuteilen wie die Z750 Turbo! Wie eine Domina die anfängt zart zu küssen aber dennoch die Peitsche schwingt oder halt der sanfteste Arschtritt den man je auf einem Bike bekam. Klingt vlt. ein bischen blumig aber was besseres fällt mir dazu nicht ein :-).

    Das Fahrwerk Layout ist auf stoischen Geradeauslauf bei High Speed ausgelegt. Die Gabel steht schräger wie die der fast baugleichen und doch völlig anderen GPZ750 und sie will in Kurven mit Nachdruck gedrückt werden und fällt keineswegs von selbst hinein. Das könnte man ihr vorhalten als Minus - andererseits lässt sie sich auch bei 230 zur Not mit einer Hand fahren und ist pendelfrei.

    Ich habe im Moment das Vergnügen eine GPZ750 und eine Turbo aufbauen zu dürfen und es gibt soviel das unterschiedlich ist bei diesen Schwestern. Das Rahmendreieck offen bei der GPZ, brutal zugeschweißt und damit versteift bei der Turbo nebst 2 weiteren Rahmen Querstreben, die die GPZ nicht hat. Die Gabel optisch gleich aber doch nicht von GPZ in die Turbo passend. Die Löcher der Luftbrücke stehen auf unterschiedlichem Niveau und die Bremsscheiben der Turbo sind um 5mm grösser.

    Und die Zeremonie beim starten... Zündung an und man hört die Benzinpumpe surren und den Sprit mit 3 bar Druck in die DFI zu pumpen. Nach 5 Sekunden schaltet sie ab, starten, Ich kenne keine Kawa die so unmittelbar anspringt und sofort so ruhig läuft. Auch das Ventilspiel ist bei ihr zwischen Ein- und Auslaß umgekehrt zu allen anderen Kawa Modellen. Sie ist niedriger verdichtet wie die GPZ750 und ihr steht somit weniger Leistung im ladefreien Drehzahlbereich zur Verfügung. Sie trägt einen Kopf der 650er und ihr Motorblock und Getriebe ist für gut und gerne 200PS ausgelegt. Ihr Lader drückt "nur" 0,73 bar und ist bei richtigem Umgang wie auch der Motor auf sehr lange Laufleistungen bis über 100TKM gut - in den richtigen Händen!.

    Brutales aufreissen im kalten Zustand, unmittelbares Abstellen des Motors nach forcierter Fahrt ohne den Lader mit ca. 15 Sekunden kaltlaufen zu lassen, kann ihr aber auch schon nach 100 KM den Garaus machen. Sie ist ein Bike für den diszipinierten Liebhaber der ihre Riten kennt, pflegt und liebt.

    Wie einige Modelle ist die Turbo heutzutage total unterbewertet und es gibt für mich keinen Grund, warum die Turbo trotz ihrer absolut revolutionären Technik und des einzigartigen Fahrerlebnisses viel weniger wert sein soll wie eine H2 2 Takt die es in gutem Zustand selten unter 10, 12K gibt. Schnöde 2 Takt Technik, hunderttausendfach von Motorrad Herstellern gebaut gegen die Revolution der Turbo? Es ist eine Frage der Zeit wann auch der letzte Zweifler den wahren Wert der Turbo erkennt. Jeder der eine hatte, vermisst sie und weint ihr nach. Jede Turbo, egal wie vergammelt und egal wie kaputt, rechtfertigt einen Wiederaufbau. Sie ist einzigartige Motorradgeschichte, die sich so nicht wiederholen wird.

    Viele Turbos sind wegen Laderproblemen (aufgrund unfähiger Treiber) umgerüstet worden auf Lader von Fremdherstellern. Werksseitig war die Turbo mit einem "Wegwerf" Lader Hitachi H10 bestückt, eine Überholbarkeit seitens Kawasakis war für diesen nicht vorgesehen. Es gibt aber Spezialisten, die diesen Lader für Kurse zwischen 600 - 1000 Euro wieder vollständig revidieren können. Jeder Cent davon ist es wert. Es gibt auch einige stark getunte Turbos die mühelos 200 echte PS und mehr am Hinterrad erreichen. Lustig, aber wozu? Mir persönlich ist die Leistung der Turbo mehr wie genug und jede Fahrt mit ihr ist ein aussergewöhnliches Erlebnis.

    Meine Frau mag die Turbo nicht - sie sagt sie ist ihr "too much". Gibt es ein grösseres Kompliment für eine Fahrmaschine? Nein!

    Es sind keine normalen Motorradfahrten mit ihr auf denen man die Landschaft geniesst - es sind vielmehr sehr intime und extrem intensive Momente zwischen Fahrer und Maschine. Sehr ähnlich obwohl total gegensätzlich zur ZL900 Eliminator. Die Eli schreit ihre schiere Leistung laut heraus und die Turbo hämmert abartige Beschleunigungen in den Asphalt ohne grosses Spektakel. Beides keine Maschinen für jeden Tag aber das Nonplus Ultra für ganz besondere Motorrad Momente. Diese Maschinen bauen innerhalb weniger KM fahrens jeden Stress von Ihnen ab und machen Sie frei im Kopf. Unbezahlbar!

    Es ist ein Motorrad für Feingeister und Geniesser. Eines der edelsten und am meisten unterbewerteten Klassiker unserer Zeit. Und einfach betörend schön und zeitlos vom Design.

    Kaufen Sie sich eine - Jetzt! So lange Sie es noch können! Und solange sie noch bezahlbar ist. 

     

     

     

     

     

     

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