Youngtimer & Restaurations Blog

  • Eindrücke zur 900R

    Hier möchte ich Ihnen mitteilen, wie ich die diversen Modelle sehe, was ich an ihnen mag, weniger oder gar nicht mag um Ihnen bei der Entscheidungsfindung zu helfen. Diese Ausführungen sind natürlich absolut subjektiv, entsprechen meinen Gedanken und müssen für andere nicht gleich aussehen.

    Fangen wir mit der GPZ900R an - ein damaliges Superbike, daß 1984 auf dem Markt kam, die gesamte Konkurrenz auf Jahre deklassiert hat und das schnellste Serienbike der Welt war. Sie hatte zu ihrer Zeit revolutionäre Technik wie 4 Ventile pro Zylinder, Wasserkühlung und eine aussenliegende Steuerkette und viele bis dahin unbekannte features wie z.B. die geniale Schwinge und deren Abdeckung, die es erlaubt die Kette ohne Schwingendemontage zu wechseln. Die meisten ihrer Konkurrentinnen fuhren mit Technik, die aus den 70ern und teilweise noch früher stammte. An der 900R war dagegen fast alles neu und bis dato ungesehen. Die letzten Baureihen kosteten in Deutschland deutlich über 15.000 DM - ein Billig Motorrad war sie zu ihrer Zeit nie.  

    Sie war die erste Ninja und überlebte mit ihrer extrem langen Bauzeit (in Japan bis 2003 als A16!) sogar 2 ihrer eigenen Nachfolger! Sie wurde im Lauf Ihrer Bauzeit nur sehr behutsam verändert und ihre anfänglichen Kinderkrankheiten wurden weitestgehend ab Baujahr 1986 eliminiert. Ich möchte mich nicht in technischen Daten verlieren - die gibt es zuhauf für den Interessierten im Netz. Ich möchte vielmehr schildern, warum gerade die 900R für mich immer noch das perfekte Motorrad ist.

    Im Vergleich zu neuen Maschinen wirkt eine R geradezu zierlich und sehr schmal. Sie hat einen sehr langen Radstand und ist mit ca. 250 Kg ein richtiges "Eisenschwein". Erfreulicherweise fällt das recht hohe und damals übliche Gewicht eines Bigbikes noch nicht mal beim rangieren auf - beim fahren auch kaum. Fast alles an ihr hat auch einen technischen Hintergrund und ist nicht nur optischer Zierrat wie z.B. die recht kleine Kanzel, die enorm wirkungsvoll ist. Sie hält den Luftwiderstand erstaunlich gut von Oberkörper und Kopf weg und verhilft hier mit ihrem guten Fahrwerk zu stoischem Geradeauslauf und sicheren Topspeed Fahrten - absolut pendelfrei auch bei über 250 K/mh Tacho...

    Die kleinen Einkolben Bremssättel machen ihren Job viel besser wie ihre Art und Grösse vermuten lassen, sind nahezu fadingfrei, absolut standhaft und stoppen die R auch bei recht forscher Gangart effizient und sicher. Die ab 90 verbaute Doppelkolbenanlage mit grösseren Scheiben ist ein wenig besser, macht die Einkolbenbremse von 1984 - 1989 aber nicht zum nichts könnenden Altteil. Dasselbe gilt auch für die bis 1989 im Durchmesser von 39 mm kleinere Gabel, die ab 1990 auf 41mm verstärkt wurde. Ich persönlich mag die alte Gabel lieber, nicht zuletzt auch wegen ihrem wirklich wirkungsvollen Antidive System, da die Gabel beim bremsen deutlich versteift und das unerwünschte Eintauchen mildert. Das Antidive wird zu Unrecht von vielen verteufelt und stellenweise sogar ausser Betrieb gesetzt. Die Wahrheit ist vielmehr, das es sich um ein Bauteil handelt, das Wartung benötigt und bei schlechter Pflege "hängt" und dann funktionslos ist. Eine intaktes Antidive funktioniert an der 900R absolut und ist ein gutes feature - kein Bug.

    Mir persönlich ist es Wurst ob ich eine A6 bis 1989 fahre oder eine A7 ab 1990 wobei ich insgeheim die A6 doch mehr mag. Wegen der verschärften Abgas- und Geräuschvorschriften ist die R ab A7 (1990) doch ein wenig zahmer gebaut worden. Leiser, weniger aggressiv im Antritt und irgendwie glattgelutschter vom Fahrerlebnis im Vergleich zu einer für die seinerzeit Kawatypisch rauhe und kehlig röchelnde R bis 89. Der Unterschied ist hier nicht zahm und brutal, laut oder leise. Es sind Nuancen, die man im Vergleich aber doch deutlich spürt.

    Man sitzt hevorragend auf einer R - auch längere Fahrten zu zweit sind ohne weiteres möglich. Durch ihren langen Radstand ist sie nicht so wendig wie Maschinen mit kurzem oder gar moderne Bikes - aber der Vorwurf, das man mit ihr keine Kurven fahren kann, stimmt keineswegs. Die R kann durchaus sehr engagiert bis rasant bewegt werden - fahrerisches Vermögen, manchmal auch ein bischen Mut und entsprechende Gasstellung vorausgesetzt. Das ein modernes Bike alles besser kann steht außer Frage, aber die R beherrscht den Tango zwischen bravem Tourenbike und aggressivem Sportler absolut perfekt in einer Art und Weise, wie es auch die meisten heutigen Bikes nicht können. Im sechsten Gang brav und ruckelfrei mit 50 K/mh und Mutti hintendrauf durchs Dorf oder forciert über einsame Landstrassen geprügelt - sie kann beides sehr gut.

    Der Motor hat Power satt, läuft Kawatypisch etwas rauh und hat einen betörenden, nicht krawalligen 80er Jahre Sound, der bis etwa 5000 RPM recht tief klingt um dann in einer heiseren, hohen Tonlage mit entsprechendem Vorschub zu explodieren. Er schiebt aus geringsten Drehzahlen enorm an und lässt sich mühelos zur maximalen Drehzahl drehen. Auch mit dem zusätzlichen Gewicht eines Sozius wird er spielend fertig und spürbar nur unwesentlich langsamer in der Beschleunigung. Die seinerzeit aus versicherungstechnischen Gründen auf 98 PS gedrosselten EU Modelle lassen sich sehr einfach durch das auswechseln der Vergaserdeckel auf ihre volle Leistung von 115PS bringen. Tatsächlich erreichten aber auch die "gedrosselten" Modelle auf Prüfständen oft Leistungen von 110 PS...

    Die R begeistert mich immer wieder, langweilig wie soviele andere Fahrzeuge in meinem Leben ist die R mir nie geworden. Man hat mit ihr 2 völlig verschiedene Bikes in einer, mit der man es je nach Stimmung und Laune ruhig und unauffällig oder sehr, sehr adrenalin fördernd angehen lassen kann. Man kann mit Ihr aber auch enorme Distanzen sehr zügig und stressfrei überwinden und steigt auch noch nach 1.000 KM Fahrt recht entspannt ab.

    Zudem gefällt mir ihr kantiges und aggresives Design sehr, das auch heute noch - 30 Jahre nach ihrer Vorstellung - zeitlos und aus einem Guß wirkt.

    Die R gefällt mit serienmäßigem Stummellenker, mit der es sich gerade auf der BAB bei hohen Geschwindigkeiten sehr gut leben läßt. Man sitzt leicht gekrümmt, dennoch sehr bequem und geniesst den maximalen Windschutz ihrer Verkleidung. Ab 140 K/mh werden die Handgelenke spürbar entlastet und so sind auch weite Fahrten mit hoher Geschwindigkeit absolut unproblematisch. Ein Superbikelenker dagegen läßt einen absolut aufrecht sitzen, hilft Stadtverkehr und lange Touren stressfrei und sehr bequem zu überstehen. Aus diesem Grunde habe ich immer mindestens 2 R mit beiden Lenkern zugelassen.

    Nun die Con's - wie fast jeder seinerzeitige Japaner ist auch die R vorne viel zu weich gefedert. Dieses Manko lässt sich leicht durch den Einsatz von progressiven Gabelfedern von Wirth und anderen Herstellern beseitigen. Hinten dagegen ist sie fast zu hart, liegt aber in Verbindung mit progressiven Federn vorn sehr gut. Diese Härte zu eliminieren bedeutet etwas mehr Aufwand. Ein hochwertiges Öhlins- oder Wilbers Zentralfederbein schlägt mit etwa 500 - 1.500 Euro zu Buche und die R verliert damit das typische hintere Nachwippen und unangenehme Schwingen in sehr schnell gefahrenen, langen Autobahnkurven ab 200 K/mh. Ein weiteres Manko ist das für viele Kawa Modelle typische schlecht regulierende Kaltstartverhalten mit dem Choke - bei voll gezogenen Choke dreht sie viel zu hoch, bei etwas niedriger aufgezogenem läuft sie beim Kaltstart unrund und kann ausgehen. Nach 30, 40 Serkunden Motorlauf ist aber auch dieses Manko hinfällig und die R läuft sauber.

    Der grösste Nachteil der R ist ihr Preis - da der Einstand für ein Motorrad dieses Leistungsvermögens extrem günstig ist, steckt kaum ein Halter genug Aufwand und Geld in die Wartung dieser Maschinen. Die R wird als billiger Heizer, Umbauprojekt und Schlechtwetter Bike oft missbraucht. Wirklich gute, originale und gepflegte Exemplare zu erwischen, die einen Wiederaufbau rechtfertigen, wird zunehmends schwieriger.

    Sie hat sehr haltbare Technik und es gibt zahlose R`s die weit über 100TKM mit dem ersten Motor ohne grosse Revisionen zurück gelegt haben und immer noch toll laufen. Alles an ihr ist robust, sie lässt sich recht einfach warten und ich kenne kein anderes Bike, das zu vergleichbaren Kosten eine derartige Performance aufweisen kann. Ein total unterbewertetes und echtes Superbike. Glauben Sie mir das viele der Youngtimer, die zu 2 - 4 x höheren Preisen wie die R gehandelt werden ihr in den allermeisten Fällen nicht das Wasser reichen können - in jeder Beziehung bis auf den Preis...

    Lustig ist auch ihr enormes Überholprestige auf der Autobahn - 30 Jahre nach Ihrer Vorstellung und zu Zeiten wo jede 600er Kreise um sie fahren kann. Es ist enorm wie schnell die linke Spur mit ihr geräumt wird. Eine weitere Bestätigung für ihr wirklich gutes und zeitloses Design. Ich fühle mich auf ihr auch nie wie auf einem Oldttimer. Es ist das Motorrad das ich mag - das sie in die Jahre gekommen ist (wie ich auch) ist nur ein Nebeneffekt.

    Man bekommt eine fahrfertige R schon ab 700 Euro und deswegen sind auch viele R`s untergegangen. Ein Bigbike mit ordentlich Bums für ganz kleines Geld - in das man natürlich nur das nötigste reinsteckt und sie tritt bis sie quietscht... Mir ist der allgemein gültige Wert der R absolut Wurst - für mich hat sie einen sehr hohen ideellen Wert und die Fahrten mit ihr machen grosse Freude. Zudem ist sie eines der wenigen Bikes das einen nicht nach paar Monaten anfängt zu langweilen. Ich habe kein Problem damit in die Wiederherstellung das mehrfache ihres "Marktwertes" reinzustecken. Zumal man gute, unverbastelte Maschinen mit original Lacksätzen kaum noch bekommt und dieser Bolide langsam ausstirbt. Sie ist nahezu jeden Aufwand wert und eine R, die wieder tiptop wiederhergestellt wurde bietet immer noch viel mehr als das meiste in dieser Preisklasse und von der Emotion her sogar meist deutlich mehr wie ein aktuelles Bike. Und man hat einen absolut alltagstauglichen Klassiker für Jahre. 

    Die Teilelage ist dank vieler R Schlachtungen noch unproblematisch und recht preiswert. Mechanisch notwendige Teile sind noch weitestgehend von Kawasaki lieferbar, mit guten Lackteilen und Auspuffanlagen wird es aber von Monat zu Monat enger.

    Ich finde die R geil - und zwar richtig geil und jede Fahrt mit ihr ist ein schönes Erlebnis. Bei mir wird solange wie möglich immer mindestens eine in der Garage stehen.

     

     

     

     

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